Seit den 1980er Jahren ist der Bestand des Kiebitz in Deutschland um mehr als 90 Prozent eingebrochen. Trotz einzelner regionaler Erfolge durch umfangreiche und gezielte Managementmaßnahmen bleibt der Gesamttrend negativ. Die Art gilt daher deutschlandweit als „stark gefährdet“.

Hauptursachen für diesen Rückgang sind vor allem der Verlust feuchter Wiesen, die Zerstörung von Gelegen durch die landwirtschaftliche Nutzung sowie ein hoher Prädationsdruck durch Fressfeinde. Um den negativen Bestandstrend zu stoppen, sind dringend Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensraumqualität erforderlich, um den Reproduktionserfolg des Kiebitz zu erhöhen. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der Energiewende und des Ausbaus der Windenergie, da diese Entwicklungen die Habitatqualität des Kiebitz potenziell weiter verschlechtern.

Vor diesem Hintergrund wurde das Projekt KiNo (Kiebitzschutz in Norddeutschland) ins Leben gerufen, um gezielte Schutzmaßnahmen umzusetzen. Das auf sechs Jahre angelegte Verbundprojekt wird bis Ende Februar 2032 im Rahmen des Nationalen Artenhilfsprogramms durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz gefördert. Insgesamt arbeiten 12 Verbundpartner und acht Kooperationspartner aus den Bundesländern Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein zusammen.

Gezielte Erhaltungsmaßnahmen für den Kiebitz

Als spezialisierter Wiesenvogel ist der Kiebitz auf feuchte Habitate angewiesen, die insbesondere für die Aufzucht der Jungvögel eine essenzielle Funktion einnehmen. Um die Habitatqualität zu optimieren, implementiert das Projekt ein umfangreiches Maßnahmenpaket, das primär auf die Verbesserung des Wasserhaushalts, die Sicherung der Brutplätze und die Steigerung der Strukturvielfalt der Projektflächen abzielt.

Ein Vogel steht in einem feuchten Bereich mit Gras und Wasser im Hintergrund.
Kiebitz-Blänke – Foto: Thomas Fartmann

Hydrologische Optimierung und Habitatmanagement

Ein zentraler Aspekt ist die Wiederherstellung eines natürlichen Wasserhaushalts. Die entsprechenden Maßnahmen umfassen langfristige Strategien zur Wiedervernässung, wie die Anhebung des Grundwasserspiegels durch das Verschließen von Drainagesystemen, die Anlage von Blänken (temporären Flachwasserzonen) und Schlammflächen sowie die Aufweitung von Entwässerungsgräben zur Schaffung von Feuchtstellen. In einigen Teilprojekten wird darüber hinaus eine aktive Bewässerung geeigneter Grünlandflächen mittels Solarpumpen durchgeführt.

Zur Steigerung des Nahrungsangebots in den Brutgebieten werden Extensivgrünland-Flächen und Blühstreifen etabliert. Auf Ackerflächen kommen sogenannte „Kiebitzinseln“ zum Einsatz. Dabei handelt es sich um temporäre Brachflächen, die während der Brutperiode aus der Bewirtschaftung genommen werden, um störungsfreie Brut- und Nahrungshabitate zu gewährleisten.

Flankiert werden diese Schritte durch aktiven Gelegeschutz: Um Verluste durch landwirtschaftliche Maschinen zu vermeiden, werden Brutstandorte markiert, sodass die LandwirtInnen diese bei der Bearbeitung umfahren können. Gegen den hohen Druck durch Prädatoren (z. B. Fuchs und Marder) wird ein passives Prädationsmanagement angewandt, insbesondere durch die Einzäunung von Gelegen mit mobilen Elektrozäunen sowie durch die Entnahme von Gehölzen oder Hecken.

Eine weitläufige Feuchtwiese mit grünem Gras und kleinen Wasserflächen unter einem klaren Himmel.
Feuchtwiesenlandschaft – Foto: Steffen Kämpfer

Wissenschaftliche Begleitung und Monitoring

Um die Wirksamkeit der Maßnahmen zu evaluieren und zu identifizieren, welche Ansätze die größte positive Wirkung auf Bestand und Bruterfolg entfalten, wird das Projekt wissenschaftlich begleitet. Dies umfasst neben einem standardisierten Bestands- und Bruterfolgsmonitoring in den Projektgebieten auch eine detaillierte Analyse der Raumnutzung. Hierzu werden Kiebitze mit GPS-Sendern ausgestattet. Auf Grundlage dieser Daten wird überprüft, welche Maßnahmen unter welchen Bedingungen besonders effektiv sind, sodass die Schutzstrategien bereits während der Projektlaufzeit optimiert werden können.

Langfristige Wirkung und Synergieeffekte

Neben dem Kiebitz profitieren weitere gefährdete Wiesenvögel mit ähnlichen Lebensraumansprüchen wie Brachvogel, Rotschenkel oder Austernfischer von den Maßnahmen. Die Schutzmaßnahmen wirken sich daher positiv auf die gesamte Biodiversität der Offenlandschaften aus.

Die geschaffenen Lebensräume werden über die Projektlaufzeit hinaus dauerhaft gesichert. Die Ergebnisse werden in Fachzeitschriften veröffentlicht und auf wissenschaftlichen Tagungen präsentiert. Zum Abschluss des Projekts ist außerdem ein Workshop im Rahmen der AG Kiebitzschutz in Osnabrück geplant. Die erhobenen GPS-Daten sollen über die Untersuchungen zur Raumnutzung in den Brutgebieten hinaus für weitere, auch internationale Fragestellungen zur Migrationsökologie genutzt werden.

Das Projekt leistet so einen doppelten Beitrag: Es wertet durch gezielte Managementmaßnahmen die Bruthabitate auf und vertieft gleichzeitig das ökologische Verständnis der Art. Dieses gewonnene Wissen bildet eine essenzielle Grundlage für die Weiterentwicklung zukunftsfähiger Schutzstrategien. Somit tragen sowohl die umgesetzten Maßnahmen als auch die gewonnenen Erkenntnisse wesentlich zum Schutz des Kiebitz in Deutschland bei.

Weite grüne Wiese mit zwei Windkraftanlagen im Hintergrund und einer kleinen Wasseransammlung auf dem Boden.
Nassstelle Grünland – Foto: Steffen Kämpfer

Veröffentlicht: 09 / 2026